Erhard Sickinger sen. „Kitty“
Schon vor einiger Zeit hatte mich die Tatsache fasziniert, dass Herr Konrad Sickinger offensichtlich Brüder hatte – einer davon, Erhard, war nach Australien ausgewandert. In Coffs Harbour wohnte er und stellte dort auch Spinnräder her. Aufgefallen war mir zuerst ein „Esther“, welches ich an dem typischen Spinnflügel erkannte… doch bis heute hatte ich noch keines dieser Räder selbst sehen dürfen.
Dann erhielt ich Mitte Dezember 2025 eine e-mail aus Bern: Herr Detlef Teufel meldete sich bei mir, weil er auf der Suche nach der Adresse von Herrn Erhard Sickinger gewesen sei, um diesem eine Weihnachtskarte schreiben zu können… denn sein Adressbuch sei ihm abhanden gekommen. Dabei sei ihm meine Homepage und die Berichte über die Konrad Sickinger Räder angezeigt worden. Er würde meine Homepage an Herrn Sickinger weiterleiten wollen – ob mir das recht sei? Außerdem könnte er mir ein paar Dinge erzählen, wenn ich Lust hätte, denn er habe in den 1990er Jahren in Australien bei Sickingers gewohnt, dort ein Praktikum gemacht und sein Architekturstudium absolviert.
Zunächst starrte ich diese unverhofft eingetrudelte e-mail länger an, las gleich nochmal… und dann, nachdem ich begriffen hatte, sprang ich aufgeregt im Zimmer herum: was für eine Nachricht!! Klar wollte ich mehr wissen!! Sofort, unbedingt! Ich freute mir den sprichwörtlichen Knopf an die Backe – da schrieb mir jemand, der mir aus erster Hand mehr berichten können würde. Das war ein echtes Weihnachtsgeschenk!
Nach ein paar Mails Schriftwechsel telefonierten wir… und ich lernte so auch die Schwester, Dorothee, kennen. Auf Anhieb verstanden wir uns gut – und später, im März 2026, lernten Doro und ich uns auch persönlich kennen. Dorothee kam mit Ihrem Mann zusammen den weiten Weg von Wetter a.d. Ruhr zu mir gefahren, um auf der Handspindel, welche ihr Bruder ihr 1993 geschenkt hatte, spinnen zu lernen. Und sie brachte auch das Spinnrad mit, welches Detlef ihr zur Hochzeit geschenkt hatte: eine „Kitty“ – weit gereist, aus Coffs Harbour, Australien. Einmal um die halbe Welt… ist das nicht verrückt?
Die „Kitty“ ist ein kleines, leichtes, wundervoll verarbeitetes Bockrad, welches eintrittig und zweifädig angetrieben wird. Das Einzugsverhalten der Spinnfasern wird mittels Erhöhung der Fadenspannung erreicht: der ovale Stellknauf fasst sich dabei wunderbar an und liegt super angenehm in der Handfläche. Überhaupt ist die Oberfläche des Holzes geradezu ein haptischer Traum: seidenweich und ohne harte Ecken oder scharfe Kanten ist es mit unglaublich viel Liebe zum Detail hergestellt worden. Das verwendete Holz ist australisches „Coachwood“ (#), leicht, fein gemasert und in einem tollen Mittelbraun mit Glanzlichtern in Honiggelb. Minimalistisch, funktionell und sehr stilvoll…
Doro hatte „Kitty“ Mitte der 1990er Jahre von Ihrem Bruder geschenkt bekommen (wohl unter dem erhaltenen Versprechen, die Wolle für den zu strickenden Pullover des Bruders darauf zu spinnen). Seitdem hatte das Rädchen wohlbehütet bei Doro gestanden. Leider auch ungenutzt… doch ich musste überaus erfreut feststellen, dass das Holz in wunderbarem Zustand war. Etwas Staub, etwas Fliegendreck, ja – aber grundsätzlich tppitoppi. Etwas nährende Holzpflege auf Ölbasis nach dem Abwischen mit einem nebelfeuchten Tuch, und schon war „Kitty“ wieder genau so schön wie zuvor.
Nur der Kunststoffknecht war bröckelig geworden: ich ersetzte PVC-Knecht durch einen standesgemäßen, runden Lederriemen von gut 4,5 mm. Ein winziges Detail lässt hier die Liebe zum Handwerk erkennen: in den Knecht ist am unteren Ende eine runde Bohrung angebracht, eine gegenständige im Trittbrett. In beide Lochbohrungen ist ein ca. 1,5cm langes Stück des runden Knechtverbinders eingesetzt, welches beim Treten das hin- und her-rutschen des Knechtes auf dem Trittbrett verhindert. Genial einfach. Einfach genial! Die zusätzlich als Schlaufe durch das Trittbrett und um das Knechtholzende geführte Lederschnur habe ich unter dem Trittbrett -wie auch zuvor- mit Tackerklammern festgeschossen. Sitzt, passt und funktioniert einwandfrei!
Nachdem ich mich auch um die drei Ersatzspulen gekümmert hatte, konnte ich das komfortable Rädchen anspinnen – und wie nicht anders zu erwarten war, lauft das Schätzchen super ruhig und spinnt einen zauberhaften, dünnen Faden. Was für ein Spinnrad-Schätzchen!
Danke Doro, dass „Kitty“ nun bei mir wohnen darf! Ich weiß sie wirklich zu schätzen!
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Hersteller:
Erhard Sickinger sen. + jun.
Coffs Harbour Craft Village, Coffs Harbour 2460, Australia
Spinning Wheel Makers / von ca. 1970 bis ???
Modell „Kitty“
Antrieb: zweifädig, Einzeltritt
Schwungraddurchmesser: 36 cm
Abmessungen: 85,5 cm Höhe x 36 cm Breite x 47 cm Tiefe
Gewicht: 3,4 kg
Übersetzungsverhältnisse: 1 : 5⅛ und 1 : 6¼ an der Flyerwirtel
Holz: Coachwood (Ceratopetalum apetalum #)
Farbe: Natur, geölt
Spinnflügelöffnung: Kunststoff
Spulen: Kapazität: ca. 120-150 Gramm / Spulenkern Holz / jew. 2 Kunststofflager
(#) Coachwood-Bäume sind Pflanzen, die in den warm-gemäßigten Regenwäldern entlang der Küste von NewSouthWales, Australien, wachsen und heute dort geschützt sind. Auch bekannt als „Duftendes Satinholz“ hat die gesprenkelte graue Rinde des Coachwoods horizontale Markierungen und einen zarten Duft. Der Coachwood ist ein häufig vorkommender australischer Baum, der einen hohen, geraden Stamm aufweist und eine Höhe von 15-25 m erreicht. Die glatte graue Rinde weist charakteristische horizontale Rillen auf, die den Stamm umkreisen, und graue bis weiße Flechten verleihen dem Coachwood-Stamm ein gesprenkeltes Aussehen. Der Baum kann in relativ schlechten Böden in Schluchten und entlang von Wasserläufen wachsen und blüht dabei von Frühling bis Sommer mit einer Masse weißer Blüten, gefolgt von roten Früchten, die Papageien anziehen.