Raabenwolle

VEB Röhnkunst „Dekorad“

Manchmal „laufen“ mir Spinnräder unverhofft zu. So wie dieses kleine Bockrad aus Eiche, lackiert, unbemalt, mit Wocken und Leinenfasern drauf. Manche sind recht mitgenommen, manche gut in Schuss, so wie dieses hier.

Als erstes bin ich dann immer neugierig, ob es spinnbar ist. Ein bisschen Korken zurechtgeschnitten, zwischen Knecht und Trittbrett geklemmt, ein weiteres Stück an die Antriebswelle im Knechtholzschlitz … den alten Riemenfaden drauf, Spinnfügel geölt uuuuuuund: es spinnt! Auch dieses kleine Ding hier machte mir die Freude, gut und fein zu arbeiten, mit höherer Trittfrequenz und schlecht justierbarem Einzug zwar, aber immerhin. Test bestanden!

Als Zweites will ich es dann immer genau wissen: woher stammt es, wer hat es wann gebaut, wie viele Infos kann ich darüber noch im Netz finden?

Das kleine Rad ist mit seinem runden (an der Seite des Spinnenden) abgeschnittenen Grundbrettes extrem markant – auch das zungenförmige Trittbrett und die kleinen, hütchenförmigen Abdeckungen machen es optisch schnell auffindbar, wenn man so im Netz in der Bildersuche herumzappt. Hier hat mich jedoch die schiere Anzahl der baugleichen Räder, welche ich in nur einer halben Stunde auf dem bekannten Kleinanzeigenportal finden konnte, wirklich sprachlos gemacht: ganze 71 Stück! Ich konnte es kaum glauben.

Als nächsten fielen mir die PLZ-Bereiche ins Auge: die meisten Anzeigen waren eher in Süddeutschland aufgegeben worden und trugen 70er, 80er und sehr viele 90er Postleitzahlen. Tja. Das war ja mal was, womit ich arbeiten konnte! Ein Blick auf die Landkarte zeigte mir, dass das Zentrum, also dort, woher die meisten Anzeigen stammten, südöstlich von Leipzig lag. War das auch die Herstellungsregion? Wer konnte so eine große Anzahl von Rädern aus Eichenholz hergestellt haben? Ich besah mir das Rad genauer: gut gearbeitet, schön abgerundet, sauber hergestellt und lackiert… das war handwerklich wirklich gute Arbeit; die einzelnen Teile des Schwungrades passend gefertigt und mit Holzdübeln sauber verzapft. Aber offensichtlich kein Einzelstück. Das war gute Qualität und offensichtlich Massenproduktion, wenn jetzt noch so viele gleichzeitig auf dem Markt zu finden waren.

Alle Räder, die noch den bestückten Wocken hatten, waren übrigens mit denselben Bindebändern zum Zusammenhalten der Pflanzenfasern ausgestattet: weißes Band aus Kunststofffasern, mit Zickzackkante und schwarz-rotem Muster. Wirklich alle! Ich staunte nicht schlecht…

In nur zwei der Anzeigen bekam ich Räder zu Gesicht, welche die Seiten der Schwungräder dunkelrot eingefärbt hatten. Die beiden Standhölzer waren dagegen komplett Tannengrün. Und das erste Querholz über dem Schwundrad, welches den Spinnkopf trägt, war ebenfalls rot bemalt. Die Seitenkanten des Grundbrettes dagegen waren mit einem hellen, umlaufenden Rautenmuster auf grünem Grund bemalt worden. Und sie hatten ein Blütenmuster auf dem Grundbrett: zwei Blumen mit Blüten aus fünf roten Blütenblättern auf einem grünen Stil mit links und rechts je drei grünen Blättern, welches mich an… tja, an was bloß erinnerte?

Abends, schon im Bett liegend, kam mir dann die Eingebung, wo ich diese Art von „Bauernmalerei“ und rot-grüne Farbgebung schon mal gesehen hatte: auf der bemalten Tisch-Weihnachtspyramide aus dem Erzgebirge, welche damals meiner Großmutter gehörte. Die Flügel der Kerzenpyramide, welche sich durch die aufsteigende Hitze der roten Stumpenkerzen drehte, waren fast genau so bemalt gewesen.

So eine große Menge professionell hergestellter Räder sind also wahrscheinlich im Erzgebirge gebaut worden – und nur einige Wenige wurden offenbar bemalt ausgeliefert. Vielleicht auch nur nach Kundenwunsch, oder zu besonderen Anlässen gefertigt… das ist jedenfalls meine Schlussfolgerung, welche ich noch prüfen werde. Ich hoffe, einen Spinnradbauer im Erzgebirge finden und fragen zu können: alle Handwerker kennen doch irgendwie einander bzw. kennen die Arbeit der Mitbewerber. Und wenn es Familienbetriebe sind, umso mehr…

Das Rad ist übrigens ca 115cm hoch, wenn der Wocken aufgesteckt ist, läuft zweifädig und der Spinnflügel wird mit der Einzugsöse klassisch in einem Lederstück gehalten. Die andere Seite des Dornes wird mit einer der kleinen, pilzhutartigen Abdeckkappen gehalten. Das Rad wiegt komplett 2,7 kg, der Durchmesser des Schwungrades beträgt knapp 30cm – es hat die Maße H115 ( bzw. 85 ohne Wocken) x B 30 x T 30 cm. Meine Vermutung: es wurde ungefähr in den 1960er Jahren hergestellt.

Nun bin ich am suchen, wer mir hier mit Infos weiter helfen könnte… wisst Ihr vielleicht etwas? 

 

Nachtrag vom 11.05.2022

Die Community auf Instagram gab mir nach meinem „gute-Frage-posting“ noch folgende Tipps zur Herkunft, die ich jedoch leider noch nicht selbst nachvollziehen / zuverlässig recherchieren konnte:  “ (…) das erinnert mich stark an das Spinnrad aus DDR-Produktion, das in den 70er oder 80ern in Westdeutschland als Dekorad von einem einschlägigen Versandhandel (Quelle oder Neckermann) vertrieben wurde.“ 

 

Nachtrag vom 01.07.2024

Das Internet kann eine überaus feine Sache sein: da bekomme ich völlig unverhofft einen netten Anruf… und wie-von-Zauberhand finde ich mich in einem wahnsnng interessanten und informativen Gespräch wieder. Heute hatte ich genau so ein Telefonat mit Herrn Muth aus Dorndorf, der mir viel mehr Infos zu diesem Rad geben konnte, als ich mir hätte wünschen können!

Zunächst konnte er mir glaubhaft versichern, dass die Herstellerfirma „Röhnkunst“ aus Klings (in Thüringen/ ehemalige DDR) gewesen ist. Die Firma hat sogenannte „Stilmöbel“ hergestellt: Schrankwände, Betten, Dekoartikel (wie eben diese Spinnräder; aber auch Mini-Schubkarren, auf die man z.B. Topfpflanzen drapieren konnte), Eckbänke, Couchtische und vieles mehr. Diese Waren, das konnte Herr Muth mir definitiv bestätigen, wurden über die Versandkataloge von „Neckermann“ und „Quelle“ u.a. in die BRD geliefert. Die Bürger in der DDR bekamen davon leider nichts ab – es sei denn, „im Westen“ hatte jemand etwas gekauft und ließ es von einem Bürgen aus „dem Osten“ in der Fabrik selbst abholen…

Die Firma „Rhönkunst“ hatte auch noch einen Sitz bzw. ein Werk in Empfertshausen – doch die Firma wurde schon vor der Grenzöffnung geschlossen. Das Netz bestätigt mir, dass der VEB Rhönkunst einen „Betriebsteil“ in Klings hatte. Es gibt sogar drei alte Adressen preis: Bahnhofstraße 23a, DDR-6201 Klings (FB 2), dann die Obere Dorfstraße 14, DDR-6201 Klings (FB 1) und als Drittes die Untere Dorfstraße 18, DDR-6201 Klings (FB 3). Das gesamte Werksgelände muss riesig gewesen sein: es gibt drei Straßenanschriften!

Das Hauptwerk war der VEB (Volkseigener Betrieb) Rhönwerkstätten, Telefon Kaltennordheim 394, Empfertshausen. Als Produkte und Dienstleistungen wurden „Drechslereierzeugnisse & Rhönkunstschnitzereierzeugnisse“ im Branchenbuch angegeben. Verrückt, was man alles herausfinden kann, wenn man erst einmal einen Anhaltspunkt hat. In Empfertshausen gibt es heute übrigens noch Deutschlands einzige Schnitzschule!

Was die (von mir dokumentierte) identische Bemalung einzelner Räder angeht, hat Her Muth eine Theorie bzw. ist Ihm eine Idee gekommen: denkbar ist, dass einige Räder womöglich in der nahegelegenen Porzellanmanufaktur professionell hätten bemalt werden können. Wer weiß das schon noch genau? Möglich wäre es jedenfalls…

Sicher ist jedoch, dass dieses kleine Bockrad hier nie als voll funktionstüchtiges Spinnrad gedacht gewesen sei: es sei immer als Dekostück gebaut und auch so betitelt und verkauft worden.


Meinen herzlichsten Dank, Herr Muth! Sie haben mir wirklich sehr geholfen 🙂
Und ich hoffe, dass viele Menschen lesen werden, was ich mit Ihrer Hilfe schreiben konnte!