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Mischtechnik für vielfarbige Farbverläufe

Im Dezember 2023 habe ich meinen allerersten Strickkurs im Leben gemacht: klingt erst mal komisch, wenn man bedenkt, dass ich schon über ein halbes Jahrhundert auf dieser Erde bin, nicht wahr? Denn stricken gelernt habe ich tatsächlich im Handarbeitsunterricht in der ersten Gymnasialklasse. Wir hatten noch halbjährlich versetzt Handarbeits- und Werkunterricht – in jeweils reinen Mädchen- und Jungenklassen. Das war cool: denn so blamierten wir Mädels uns nicht bei der Handhabung von Maschinen vor den vermeintlich technisch begabteren Jungs. Und diese sich nicht an den Stricknadeln oder der Nähmaschine vor uns Mädels. Was wegen unserer Pubertät -und den daraus resultierenden, menschlichen Verwirrungen zwischen den Geschlechtern- schon ein echt ein cleverer Zug der Schulleitung war. Seitdem bin ich strickend unterwegs, dabei jedoch immer autodidaktisch: ansehen und so-gut-wie-möglich-nacharbeiten. Strickschriften „kann ich“ einfach nicht.

 

So kam mir der Kurs von Thorsten Duit, den ich in im „Bösingfelder Wollzauber“ belegte, gerade recht. Thorsten ist viel auf YouTube mit Tutorials „unterwegs“ und hat auch schon Bücher geschrieben; so hatte ich Hoffnung, es effektiv lernen zu können. Am besten lerne ich, wenn man mir direkt Dinge zeigt… denn, wie gesagt, ich bin hoffnungslose Strickanleitungs-Legasthenkerin.

Meine Hoffnung n den Kursnachmittag wurde nicht enttäuscht, denn zunächst macht eine schöne Atmosphäre viel aus. In Birgits „Wollzauber“ ist es hell und freundlich, die schöne Wolle türmt sich aufgeräumt in Regalen – und es ist sehr gemütlich. Und es waren nette Strickerinnen da. Thorsten wiederum gibt einen gut aufgebauten, verständlichen und überaus strukturierten Kurs, der keine Fragen unbeantwortet lässt. Ein Handout vervollständigt die Infos und gibt weitere Tipps und nützliche Anregungen. Und der QR-Code, welcher zum Raglanrechner führt, ist eine tolle Idee und sehr anwenderfreundlich umgesetzt.

Die von mir an diesem Tag verstrickte Wolle wurde von Tatjana, mit der ich 2015 unsere Spinngruppe gegründet hatte und seitdem befreundet bin, handgefärbt. Wer bunte Sockenwolle und schöne Kardenbänder mag, findet sie im Netz und auf etsy unter „Piratenwolle“. Es handelt sich ursprünglich um Kardenbänder, welche Geburtstagsgeschenke aus drei Jahren waren, die ich jeweils als Single versponnen hatte. Und die mich lange aus meinem Regal heraus „anlachten“, da sie mir immer viel zu schön schienen, um sie zu irgendetwas X-Beliebigem zu verarbeiten. Doch nun kam mir die zündende Idee, sie eigens für diesen Kurs miteinander zu verzwirnen um daraus einen ganz besonders kuscheligen Pulli herzustellen.

Doch das war leichter gesagt als getan: immerhin hatte ich 315 Gramm violett-flieder-beeren-farbige „Bluefaced Leichester Wool“ und dazu noch 263 Gramm blau-türkis-grünes „Chubut“. Der dritte Single war wiederum „BFL“ in grün-türkisblau-oliv und wog 305 Gramm. Die lange gesponnenen Farbverläufe wollte ich erhalten und dabei sollten sich die Wollqualitäten möglichst homogen mischen um eine gleichmäßige Griffigkeit und guten Tragekomfort zu gewährleisten.

Einige Tage tüftelte ich gedanklich herum, dann hatte ich eine Lösung gefunden. Ich nahm mir einen Zettel und überlegte mir einen Farbwechsel, den ich beim Verzwirnen einhalten wollte. Beim ersten Faden würde ich mit den überwiegend violetten Tönen beginnen, dann zu den blauen wechseln und anschließend die Grüntöne benutzen. Die Farben würden sich immer im selben Rhythmus wiederholen müssen, damit sie sich homogen aufbrauchen würden, überlegte ich mir. Der zweite Faden müsste also logischerweise mit dem Ton beginnen, der (im ersten Zwirnsfaden) als letzter an der Reihe war: also mit den Grüntönen. Dann würde das violette Knäuel dran sein und als drittes das blaue.

Also nahm ich mir die Banderole des Kardenbandes und malte auf der Rückseite drei Strichreihen, denn ich visualisiere mir gern meine Ideen. Und da ich (ärgerlicherweise) keinen violetten Stift fand, nahm ich hierfür einen roten. Also: R-B-G und darunter G-R-B.  Dabei fiel mir auf, dass die Länge der Violett-Töne (R) im ersten Zwirnsfaden nur die Hälfte der Länge der anderen Farbsegmente würde haben müssen, damit der Farbwechsel einen klaren Anfang nehmen würde.

Blieb jetzt nur noch, mir zu überlegen, in wie viele Segmente ich die Knäule jeweils teilen wollte? Da ich recht viel Lauflänge hatte, entschied ich mich für 20 Segmente – und teilte die Mengen entsprechend. So ergab sich für R(ot) 15,75 Gramm, für B(lau) 13,15  und für G(rün) 15,25. Diese Werte übertrug ich nun in eine Tabelle mit drei Spalten die ich mit den drei Farben G=305, R=315 und B=263 überschrieb. Darunter schrieb ich die neuen Grammzahlen: in jeder Reihe zog ich gleich die (für die jeweilige Farbe berechnete) Grammzahl ab, bis die letzte Zahl praktisch Null war. So würde sich die Wolle gleichmäßig aufbrauchen und ich hätte keinen Rest übrig. Nur beim R(ot) würde ich die erste Grammzahl halbieren müssen: also erstmalig nur 7,8 Gramm abziehen und anschließend 15,75 Gramm. Der letzte Abzug wäre dann wieder 7,8 Gramm.

Das war ein rechnerischer Aufwand, aber für die besondere Wolle war es mir das allemal wert. Und da ich chronisch neugierig bin, setzte ich meinen Plan auch gleich in die Tat um. Eine gute Hilfe war mir da meine digitale Küchenwaage. Einfach das Knäuel drauf stellen, verzwirnen und bei Erreichen der entsprechenden Grammzahl die Farbe wechseln. Nicht vergessen: auf der Liste in der entsprechenden Spalte die erreichte Grammzahl abzustreichen. Und dann fröhlich weiter gemacht. Und, was soll ich sagen? Es hat bis aufs letzte Gramm gepasst und der Plan hat funktioniert!

Diese schöne Wolle habe ich nun also endlich, endlich verstrickt. Das coole an der RVO-Strickanleitung von Thorsten ist, dass man sie individualisieren und dabei sehr kreativ sein kann. Für meinen RVO-Erstlingspulli wollte ich eine bequeme Weite am Körper, einen Halsausschnitt, der vorn etwas tiefer ausgeschnitten ist, ein paar Tulpenärmel, eine leichte Taillierung und bitte keine öden rechts-links Bündchen. Also wählte ich stattdessen einen Perlsaum und strickte nur einen kleinen Stehkragen an, da mir ohnehin am Hals oft alles zu warm und zu enganliegend ist. Eine kurze Pulliform passt für mich besser zum Rock und die fröhlichen Farben sind ohnehin sehr meins. In nur 27 Stunden hatte ich meinen Pulli fertig – Nadelstärke 5,5 macht es möglich.

Der Farbverlauf ist letztendlich noch schöner geworden, als ich es mir erhofft hatte: die kräftigen Ausgangsfarbtöne ergänzen sich auf wundersame Weise zu einem harmonischen Farbwechsel. Die verschiedenen Wollqualitäten haben sich ebenso sanft gemischt – der Pulli fühlt sich gleichmäßig n der Qualität an und ist sehr kuschelig, ohne jedoch aufzubauschen. So ende ich optisch nicht als der viel gefürchtete „Wollbär“.

Das wird sicher nicht mein letztes RVO-Projekt werden! Und die Farbmischtechnik kann ich Euch nur sehr empfehlen.

 

 

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