Unbekannter Hersteller „Helle Doppelkopf-Ziege“
Manche Spinnräder geben auf den zweiten Blick mehr Rätsel auf, als der erste vermuten lässt… der Verlobte der lieben Hannah fand dieses Spinnrad im Dezember 2025 in einem Second-Hand-Laden in Hameln und Hannah adoptierte es für „kleines Geld“, denn so ein Doppelkopf-Spinnrad erregt bei Spinnenden immer Interesse. Wenn es dann auch noch eine „Ziege“ ist, sollte man genauer hinsehen, denn die sind noch seltener als „Bockräder“. (Bei ersten steht der Spinnkopf mehr oder minder Horizontal zum Schwungrad, bei letzteren dagegen oberhalb des Schwungrades.) Hannah und ich sahen Ende Januar 2026 also genauer hin um dem Geheimnis näherzukommen, woher dieses Rad stammen könnte… und Hannahs Theorie dazu machte für mich letztlich Sinn. Aber lest selbst:
Das helle Spinnrad fällt zunächst durch die beiden Spinnköpfe auf: eine recht selten anzutreffende Bauweise bei „Niedersächsischen Spinnrädern“, die man kurz als „Sächsische Bauart“ bezeichnet. (Diese sind jedoch relativ dunkel gebeizt: so eine helle Ziege trifft man selten.) Außerdem fällt das breite, dreieckige und sehr tief in den Standhölzern verankerte Trittbrett aus, welches in Ruheposition nahezu horizontal steht. Und auch die bordürenartigen Zierbänder am Hauptbrett und am Rand des Trittbrettes sind eher ungewöhnlich und erinnerten mich an Räder, die eher in Österreich als in Deutschland anzutreffen sind…
Zunächst nahm ich mir den Antrieb vor: die Achse ist aus industriell hergestelltem Stahl/Eisen gefertigt und nicht handgeschmiedet, die Achse mittels Stahlstift im Holz gegen Verrutschen gesichert. Die Knechtstange hat am oberen Ende den typischen Langschlitz – doch die Achse wird durch eine hölzerne Überwurfhülse, welche von außen auf der Achse mittels Schraube fixiert wird, in der Position gehalten – und kann sich im Langschlitz nicht nach oben und unten bewegen, wie es bei alten Spinnrädern sonst der Fall ist. (Bei handgeschmiedeten Achsen findet sich am Ende eine pilzkappenartige Verdickung, welche durch eine (unten im Langschlitz angeordnete Rundbohrung) eingeführt wird. Beim Spinnen rutscht diese Verdickung im Schlitz nach oben und wird durch die Fliehkraft an Ort und Stelle gehalten. Die Kappe überdeckt dabei den Schlitz und so wird ein Ausrutschen der Antriebsachse verhindert.) Wozu machte sich der Erbauer die Mühe, einen Langschlitz in die Knechtstange einzuarbeiten, wenn es eine Rundbohrung auch getan hätte?
Das Schwungrad ist extrem massiv ausgeführt: gute 6cm breit verfügt es über eine erhabene Mittelleiste, die das zusammenlaufen der beiden Antriebsfäden verhindert – doch bei der Breite der Lauffläche und der kürze der verwenden Fäden bzw. der Abstände von den Spinnköpfen zum Antriebsrad wäre das eigentlich nicht nötig. Zumal die Fäden ja gespannt werden, um die Flügel anzutreiben – uns somit gar nicht zusammen laufen würden. Eine gute Idee – aber zu viel Aufwand. Nuten einfräsen hätte gereicht… warum also wurde das Anriebsrad so aufwändig gestaltet?
Zunächst ist das Trittbrett ungewöhnlich breit: dreieckig nimmt es den ganzen Platz zwischen den Tritthölzern ein – und ist dabei nur von zwei unterdimensionierten Klappscharnieren gehalten. Üblicherweise tritt man Flachsräder mit dem rechten Fuß und benutzt nicht beide Füße. Bei einem Aufsetzen beider Füße sind die Scharniere viel zu schwach und auch das Holz ist relativ dünn. Warum verwendet man soviel Holz für ein großes, dreieckiges Trittbrett – und benutzt dann so eine schwache Materialstärke und diese winzigen Scharniere?
Das Trittbrett sitz außerdem ungewöhnlich tief in den Standhölzern und liegt im Ruhezustand horizontal zum Boden. Es sind kaum 1,5 cm Platz. Stellt man das Rad zum Spinnen auf einen Teppich, blockiert dieser den Spinnvorgang, weil man mit dem Trittbrett aufsetzt. Man muss das Rad auf glattem Boden nutzen, damit man nicht den Schwung des Antriebs verliert. Hatte der Erbauer noch nie ein Rad wirklich für längere Zeit gesponnen, um das wissen zu können?
Außerdem ist da noch die Kugel mit den beiden Schraubenösen, welche als Knechtverbinder dienen… ich kenne eine ähnliche Lösung, den Einbau eines Knechtleders oder eines PU-Rundriemens zu vermeiden, bisher nur vom sogenannten „Hammerrad“, Type 3540, der Firma Moswolt. Dieses Rad stammt ungefähr aus den 1960 bis 1980er Jahren. Kannte der Erbauer das Rad auch, als er diese Lösung der Knechtverbindung wählte?
Die beiden Spinnköpfe haben unterschiedliche Halterungen, die beide jedoch in Aluminium ausgeführt sind – üblich sind bei den alten „Ziegen“ jedoch Lederhalterungen. Die Metallachsen der Spinnflügel sind dagegen jedoch aus härterem Metall gefertigt, die an dem weicheren Aluminium reiben und dieses somit schnell abschleifen würden. Außerdem sind die Lagerbuchsen der Spulen nicht aus kurzen Stücken von Metallrohr gefertigt, welche an beiden Seiten auf der Höhe der Wirtelspulen in den Spulenkern eingelassen wurden, sondern bestehen aus durchgängigen Aluminiumröhrchen. Der Reibungswiderstand ist immens – und macht das Treten auf lange Sicht kraftaufwändiger. So viel Metall, welches direkt auf anderem Metall arbeitet, erfordert viel Standfett, um ein gutes Spinnverhalten zu gewährleisten… warum wurden hier keine altbewährten Lederlager verwendet? Warum der zusätzliche Aufwand zweier, unterschiedlicher Spulenhalterungen? War das Rad womöglich gar nicht für den Dauerbetrieb gedacht?
Die beiden Drehknäufe, welche mit den Gewinden verbunden sind, gaben uns weitere Rätsel auf. Zunächst sind sie so eng beieinander angeordnet, das sogar Hannah mit ihren schlanken, schmalen Fingern Probleme hat, die Griffe zu umfassen. Es ist einfach kein Platz da, um diese vernünftig drehen und so die Fadenspannung anpassen zu können. Die Gewinde sind auch nicht aus Holz gefertigt, sondern bestehen aus Gewindestangen von gut 8mm Durchmessern. Die Klötze, welche die Halterungen der Spinnköpfe nach links und rechts verschieben, sind zwar aus Holz, doch sie haben linksseitig eine Platte aus Metall, in welche das Gewinde der Transportstangen fasst. Die Klötze dienen nur dazu, das Standholz zu fixieren, in dem sie die Breite der Aussparungen füllen. Warum wurden hier keine Holzgewinde gefertigt? Hatte der Erbauer diese Fähigkeiten nicht, weil das Wissen darum verloren gegangen war? Oder hat er/sie Metall verwendet, weil es schneller zur Hand war?
Zuletzt die Verzierungen: ich habe solche Holz-Dekoleisten in der Tischlerwerkstatt meine Schwiegervaters gesehen, der nach dem Krieg bis in die 1985er Jahre hinein u.a. Wohnzimmer-Schrankwände und Kleinmöbel gebaut hat… die breiteren Bänder (von ca. 2-5cm) hatte er vorzugsweise auf die Kränze der aufzusetzenden Oberschränke geleimt. Doch auch auf Kleiderschränken, Dekoartikeln und neuzeitlichen Tiroler Spinnräder habe ich schon solche hölzernen Zierleisten gesehen. Die Halbkugelketten erinnern mich an die metallenen Ziernagelleisten, welche immer noch von Polsterern verwendet werden. Alle gedrechselten Hölzer haben außerdem unterschiedliche Drechselmuster: nur die hinteren beiden Standhölzer sind identisch. Wollte hier jemand verschiedenste Techniken umsetzen, um sein Können zu beweisen – oder sich einfach nur auszuprobieren?
Nun, die Fragen bleiben alle offen. Doch Hannahs Theorie geht mir nicht aus dem Kopf: was wäre, wenn das Rad wirklich nie für den Dauer-Spinnbetrieb gemacht worden wäre – es aber auch kein reines Deko-Rad gewesen ist? Was wäre, wenn es von jemandem hergestellt worden wäre, der möglichst viele Techniken der Holz- und Metallverarbeitung hatte umsetzen wollen? Der es möglichst funktional und vielleicht die eine oder andere Verbesserung hat umsetzen wollen? Was wäre, wenn es en Gesellen- oder vielleicht sogar ein Meisterstück gewesen ist? Nun, das schent mir wirklich plausibel zu sein, nicht wahr? Doch vielleicht gibt es ja jemanden, der hier helfen kann: meldet Euch gern, wenn Ihr mehr zu diesem Rad wisst!
Nun, wie dem auch sei: wir haben es wieder gut spinnbar gemacht und gemeinsam daran etwas Wolle gesponnen! Hab Spaß damit, liebe Hannah: ich bin schon gespannt, wie ihr beiden auf Eurer Hochzeitsfeier zusammen daran spinnen werdet 🙂 Hey, ich warte auf ein schönes Fotos von Euch – abgemacht?!
INFOBOX:
Hersteller: Unbekannt – vermutlich: Süddeutschland oder nördliches Österreich / Tirol
Technische Daten „helles Doppelkopf-Spinnrad nach Sächsischer Bauart“
- helles Holz, wenig + fein gemasert (Buchenholz?)
- ca. 70 H x 60 B x 45 cm T (ohne Wockenstab)
- Gewicht ca. 4,5 KG
- Tretmechanik: Einzeltritt
- Doppelter Spinnkopf / jeder mit zweifädigem Antrieb
- Übersetzungen: unbekannt
- Spulenlager: durchgehende Alumniumröhrchen
- 2 Spulen mit ca. 100-120 Gramm Fassungsvermögen
- Antriebsrad Durchmesser 30cm, extrem breit ausgeführte Lauffläche mit Trennung
- Spinnöffnungen Durchmesser 7mm
- Achse des Schwungrades: ins Holz getrieben, mit Nagel fxiert
- Herstellungszeitraum: um 1960