Raabenwolle

„dunkle Ziege“ aus Eichenholz

Dieses Rädchen gehört einer Bekannten, welches es mir zum Zusammenbau und zur Begutachtung kurzfristig dagelassen hat…

Zunächst fiel mir auf, wie schwer der Karton war, den mit Anja dagelassen hatte. Und wie groß! Ich dachte, als ich die langen Standbeine und das Schwungrad auspackte, zunächst, dass es sich um ein Bockrad handeln müsste… doch als ich alle Teile auf dem Wohnzimmerteppich ausgelegt und überlegt hatte, wie ich das Spinnradpuzzle zusammenbauen müsste, wusste ich sofort, dass ich hier eine Ziege vor mir hatte.

Ein schön gedrechselte, gut und sauber gearbeitete, solide Arbeit eines Drechslers (oder eines versierten Tischlers mit Drechselbank). Nachträglich dunkler gebeizt, jedoch definitv aus Eichenholz. Kein Wurmloch, kaum Flugrost an den Metallteilen, keine Wasser- oder Stockflecken. Ein guter Zustand, das war doch schon mal was. Es war dann auch recht fix zusammengesteckt und alle Teile passen noch hervorragend – und das Rad hält auch ganz ohne Leim fest zusammen. Und es spinnt ganz gut: der Antritt des Trittbrettes funktioniert ausgewogen, der Einzug durch den (neu aufgezogenen) Doppelfaden gleichmäßig. Ein gutes, solides Rad, das man auch heutzutage gut nutzen kann, der kleinen Spulen zum Trotz, die es eigentlich als Flachsrad ausweisen – wobei hier der Wocken fehlt …

Tja, und nun die spannende Frage: was ist es eigentlich genau … und wann wurde es gebaut?

Von der Bauart her ist es einen „Ziege“ nach (Nieder-)sächsischer Bauart … was zunächst auffällt, ist das stark zum Antriebsrad hin abfallende Brett. Solche Räder wurden frühestens ab 1659 mit Fußantrieb hergestellt (*); doch dieses Rad kann nicht so alt sein, denn der Gesamteindruck ist viel jünger, da der Zustand sehr gut ist.

Bei genauerer Betrachtung fallen noch weitere Details auf, welche uns der Lösung näher bringen können:
– die Nägel, auf denen die Spulen zum Zwirnen stecken, sind industriell gefertigte Zimmermannsnägel aus Stahl mit abgekniffenen Köpfen, welche kaum Flugrost aufweisen
  (-> die maschinelle Herstellung von Stahldrahtnägeln wird im www übrigens „erst ab 1870 möglich“ angegeben)  
– die Haken am Spinnflügel sind ebenfalls Industrieware, jedoch stärker angerostet
– die Schweißpunkte an der Achse sind klar zu erkennen: diese Achse wurde nicht aus einem Stück geschmiedet, wie bei Rädern vor dem 2.Weltkrieg üblich
  (-> Lichtbogenschweißen wurde 1940 durch einen Schweißer Namens Nelson verbessert, der das Kehlnahtschweißen durch einen Gewindebolzen, welcher mit einem Lichtbogen aufgeschmolzen wurde, ersetzte.) 

Außerdem erinnert es mich von der Farbe, der massiven Bauart und des Stylings her extrem stark an den Eicheneinbauschrak meines Schwiegervaters (bei dem übrigens auch ein Dekospinnrad stand). Meine Freundin nennt das „Eiche-brutal-Schrankwand“ – ich finde, das trifft es sehr gut: massiv und praktisch für die Ewigkeit gebaut. meist von den örtlichen Tischlermeistern, so wie mein Schwiegervater es war. Nach der Kriegszeit legte man wert auf gute Verarbeitung, wertiges Herstellung und gutes, deutsches Eichenholz. Nicht zuletzt von der Haptik der Oberfläche her würde ich es in diese Zeit einordnen wollen: ich schätze das Herstellungsdatum ungefähr auf 1955 bis 1965 ein. Es wurde vermutlich nach dem Vorbild eines alten Rades komplett nachgebaut.

Was sagt Ihr: liege ich damit richtig? 

(*) Quelle: Sigrid Vogt: „Geschichte und Bedeutung des Spinnrades“, Shaker Media, Aachen, 2008