Raabenwolle

SpinOlution „WorkerBee“

Alle SpinOlution-Räder werden aus Birkenmultiplex der Baltischen Birke hergestellt. Der Name deutet es schon an: hier handelt es sich um einen amerikanischen Hersteller. Die Modelle „Echo“, „Monarch“ (ehemals „Mach“), „Bullfrog“, „Hopper“ und der E-Spinner „Firefly“ zeichnen sich zudem durch modular austauschbare Spinnköpfe aus, welche unterschiedliche Spulengrößen tragen. Bei der „Bee“-Reihe ist das dagegen nicht so: „QueenBee“, „KingBee“ und die „WorkerBee“ haben alle unterschiedliche, fest verbaute Spulengrößen. Hier tut man gut daran, vor dem Kauf zu wissen, welche Art von Garn man herzustellen bevorzugt – und dementsprechend gleich das passende Modell zu wählen. Zumal man ja „shipping and tax“ (also den Versand und die Steuer) aus Amerika zum Kaufpreis hinzurechnen muss – vor Mr. Trump waren das schon gute 200€.   

Diese Spinnräder fallen sofort durch Ihre sehr puristisch-futuristische Konstruktionsweise auf. Doch die Kommentare derjenigen, die meine „WorkerBee“ zum ersten Mal sehen, teilen sich  grundsätzlich in zwei konträre Meinungen auf. Zuerst höre ich oft ein abwägendes „na, das sieht ja gar nicht mehr wie ein Spinnrad aus“ und dann gibt es nur zwei Möglichkeiten… viele finden es spontan „unschön“ – und nur einige wenige Betrachter lieben es auf den ersten Blick. Aber fast alle bleiben -auch nach näherem und längerem Betrachten- bei der zuerst geäußerten Meinung. Diese Polarisierung finde ich spannend: kein anderes Rad, welches ich bis jetzt besessen habe, spaltet die Meinungen derart.

Wenn dann am Rad „Test getreten“ wird, sind die Äußerungen noch deutlicher: nur ca. 5% meiner Spinnschüler*innen ziehen es allen meinen anderen Rädern vor… und das scheint mir an dem „Wiegetritt“ zu liegen, welcher vom Hersteller bei allen Rädern (natürlich nur nicht beim E-Spinner) verbaut wird. Nach meiner Erfahrung liegt das wiederum daran, mit welcher Lateralität unsere Gehirne geprägt worden sind, sprich: sind wir Links- oder Rechtshänder? Oder sind wir womöglich auf „rechts geprägt“ worden, weil man eben die Schere und den Stift in die „schöne Hand“ gedrückt bekommen haben – aber eigentlich wären wir linksseitig dominant geworden, hätten wir freie Wahl gehabt? Meiner Erfahrung nach empfinden Spinner*innen die „Bee“-Räder als besonders angenehm, welche gute Linkshänder geworden wären… oder solche, welche beide Gehirnhälften gut vernetzt haben. Also beide Hände annähernd gleichwertig benutzen, obwohl sie auf eine Seite geprägt wurden.

„Kognitive Dissonanz“ heißt das ungute Gefühl, welches viele empfinden, die an den „SpinOlution“-Rädern das erste Mal spinnen. Bei manchen verwandelt es sich -meiner Erfahrung nach- schnell in nachhaltige Begeisterung – und manche „kommen einfach nicht klar“ mit der seitlich-neigenden Bewegung der Antriebs-Wippe. Bei mir jedenfalls ist die Begeisterung geblieben: meine Gehirnhälften finden in dieser Bewegungsart eine besondere Ruhe. Und Menschen, deren Hüfte, Knie oder Fußgelenke wegen bestimmter Krankheiten weh tun, finden diese Art des Antriebes sehr angenehm und berichten von weniger Belastung. Sie spinnen hieran oft stundenlang schmerzfrei -oder zumindest nahezu- was ihnen bei Einzel- oder Doppeltritträdern oft gar nicht mehr möglich ist.   

In der Psychologie bezeichnet man „Kognitive Dissonanz“ als ein unangenehm empfundenes Gefühl, einen unangenehmen Gefühlszustand. Er entsteht durch die Unvereinbarkeit von z.B. Wahrnehmungen (aber auch Gedanken, Meinungen, Wünschen oder Einstellungen). Es sind also Ereignisse, welche mit einer Bewertung verbunden sind – und diese Ereignisse können Spannungen -sogenannte „Dissonanzen“- hervorrufen. Der Mensch ist jedoch bestrebt, dieses Ungleichgewicht zu überwinden und wieder in einen ausgeglichenen Zustand zu gelangen.

Ob man diese Räder nun liebt oder nicht: sie sind etwas Besonderes. Mein erstes SpinOlution war eine „QueenBee“, die ich letztlich einer guten Freundin überlassen habe. Nach einigen Jahren entdeckte ich meine Leidenschaft für „ArtYarn“ und bekam zudem die Gelegenheit, abermals ein solches Rad zu kaufen: meine „WorkerBee“ hat jedoch die 500Gramm Spulen, auf die auch das voluminöseste Garn passt! Man kann das Fußbrett hoch- und den Aufbau herunter-klappen. Die Stäbe, welche als Spulenhalter fungieren, verschwinden in einer Holztasche, die im Rahmen angebracht ist. So fallen sie beim Transport nicht heraus. Der Antriebsriemen lässt sich schnell wechseln: die Tritteinheit lässt sich auseinanderklappen und gibt die Achse frei: so muss man das Rad nicht völlig demontieren. Die tiefen Übersetzungsverhältnisse sind klasse für dicke Garne: so gelingt die „Königsdisziplin des Spinnens“ sehr gut. Doch die „WorkerBee“ kann auch sehr gut feine oder mittelstarke Garne: schaut auf die Homepage des Herstellers und studiert mal den Übersetzungs-Verhältnis-Flyer, den man dort downloaden kann: ihr werdet staunen, was möglich ist!  Die „WorkerBee“ wird ihrem Namen gerecht, denn sie ist ein vielseitiges Arbeitstier, welches mir viel Spaß macht.

Dennoch muss ich an dieser Stelle auch leider noch erwähnen, dass mir ein paar Details doch schwer verbesserungswürdig erscheinen:

– die Woll-Führungszapfen sind viel zu kurz bemessen: die Köpfchen reichen nicht bis zum äußeren Wirtelrand. Dadurch lässt sich die Spule nicht völlig füllen. (Aktuell bin ich auf der Suche nach entsprechend langen und leichten Schlossschrauben, um die Führungszapfen dauerhaft zu ersetzen.)  
– die Schrauben, welche von unten in das Kunststoff der Führungen geschraubt sind, sind ebenfalls zu kurz. Bei hohen Zugkräften des Spinngutes verbiegen sich die schwarzen Kunststoffstifte nach innen und brechen dann oberhalb der Schauben ab. (Um das Abbrechen weiterer Zapfen zu verhindern, habe ich die hölzernen Arme des Spinnflügels schräg gestellt, um auftretende Zugkräfte besser zu verteilen. Das klappt gut.) 
– die Antriebsriemen schleifen sich in den Rillen der Antriebswirteln ab und überall hat man dann den schwarzen Abrieb am Holz. (Hier hilft nur der Bürstenaufsatz des Dremels: immer schön glatt schleifen.) 
– das Filz der Spulenbremse muss regelmäßig ersetzt werden, da es sich schnell abarbeitet bzw. flach drückt und die Spulenbremse dadurch schwer(er) einstellbar wird.
– das Multiplex ist stellenwese nicht fein genug geschliffen: das Holz ist rau, was besonders an den Rundungen der Wirtelscheiben nervt, wo gern Wollfasern hängen bleiben.
– die Griffmulde ist so nah an der Aussparung für den Klappmechanismus angebracht, das hier eine echte Sollbruchstelle entstanden ist.
– bei meinem Rad wurde der überschüssige Leim nicht abgewaschen, sondern einfach auf dem Holz verschmiert.

Alles in allem ärgert mich die unschöne Verarbeitung: der Neupreis ist dem nicht angemessen. SpinOlution lässt sich das Design, die technische Umsetzung und die Ideen gewiss sehr gut bezahlen… doch ein bisschen mehr Liebe und Umsicht in der Umsetzung der Details würde der „WorkerBee“ gut tun. Und dennoch: ich mag sie nicht mehr missen! Sie ist perfekt für fette Künstlergarne und die notwendigen tiefen Übersetzungen – und ich liebe den Wiegetritt, der mich so schön entspannt.

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SPINOLUTION SPINNING WHEELS | 196 A HAWKINS ROAD, WINLOCK | WASHINGTON 98596 | USA
„QueenBee“ Preis 2024: $1210   / 1140€

Spinnrad Gewicht:              14+ pounds / über 6,3 kg, schwere Ausführung
Maße:                                     spinnbereit 30 H x 19 W x 13 D / gefaltet: 12 H 19 W 10 D
Holz:                                       Schichtholz, welches sich bei Feuchtigkeit nicht verzieht / Baltische Birke, klar lackiert
Spulen:                                   16 oz / ca. 500Gramm Fassungsvermögen
Spulen-Arretierung:            magnetisch

fest verbauter Flyer:            kein modulares System (wie bei z.B. Monarch, Echo, Hopper, Polywog)
Lazy Kate:                               für 2 Spulen (Stäbe für Transport im Rahmen verstaubar)
Einzugshaken:                       offene Öse, am magnetischen Einzugs-Querholz verschraubt
Übersetzungsverhältnisse: 1:4 / 1:5.5 / 1:6 / 1:6.5 / 1:8 / 1:9 / 1:9.5 / 1:12 / 1:12.5 /1:18.5

Der „WorkerBee Guide“ mit allen Übersetzungsverhältnissen (und wie man sie einstellt) steht auf der Homepage des Herstellers zum Download bereit.