Raabenwolle

Schacht „Sidekick“

Das Schacht „Sidekick“ ist mir schon ganz am Anfang meiner versponnenen Zeit aufgefallen:
das Rad steht im rechten Winkel zu den Trittbrettern, also parallel zwischen den Beinen des Spinnenden. Ein absolutes Alleinstellungsmerkmal! Das Kunststoffrad hat zudem meine Lieblingsfarbe: türkisblau und das Design ist unverkennbar und anders als bei vielen anderen Rädern. Man kann es mittels Trageriemen umhängen, wenn man die Tritte hochgefaltet und den Spinnkopf abgenommen und unter dem einen Trittbrett festgeklemmt hat. Dann noch die „Maidens“ umgeklappt – und es kann auf die Fahrt zum nächsten Spinntreffen gehen!

Seit ich es damals -es muss so Ende 2015 gewesen sein- gesehen hatte, ist es mir nicht allzu oft begegnet. Meine Freundin Claudia hatte sich damals eines gekauft, welches ich mal näher ansehen und testen konnte. Mit der Umlenkung des Antriebsriemens auf den hinteren Wirtel des Spinnflügels und der gleichzeitig auf der Wirtelscheibe der Spule aufgelegten Spulenbremsen-Schlaufe war ich beim Spulenwechsel ziemlich überfordert. Auch heute noch, so berichten mir geübtere Spinner*innen, empfinden viele den Spulenwechsel als „lästig“ und „friemelig“. Claudia verkaufte damals Ihr Rad genau aus diesem Grund wieder und auch für mich kam es -schon rein preislich- nicht in Frage.

 

„Mein Sidekick“ kam erst viel später, im Frühjahr 2023, zu mir, als ich mal wieder zu viel auf einer bekannten Kleinanzeigen-Plattform unterwegs war: ich suchte noch ein geeignetes Rad für meine Spinnschüler*innen. Mir schwebte ein kleines, optisch und technisch besonderes Rad vor. Die Tritte sollten große Flächen besitzen und nicht zu eng stehend sein, der Antrieb leichtgängig, die Spinnöffnung auch für etwas voluminösere Garne geeignet.

Und da war es also wieder, das türkise Sidekick des amerikanischen Herstellers mit dem Deutsch anmutenden Firmennamen. Der Preis war einigermaßen akzeptabel: schließlich hatte Claudia schon vor Jahren auch ungefähr 700€ dafür bezahlt. Der aktuelle Preis liegt um 1250€… also überlegte ich nicht allzu lange und kaufte es. Die Verkäuferin war supernett, wir telefonierten mehrfach zusammen, wurden uns einig und kurz darauf kam es wohlverpackt und heil bei mir an.

Als ich es ausgepackt hatte, stellte ich fest, dass es recht oft und gern genutzt worden war -und zudem wenig gepflegt. Eigentlich bin ich nicht so pingelig, aber so ein schönes und teures Rad in so einem Zustand zu sehen, war mir alles andere als recht. Und so nahm ich es noch am selben Abend -sogar noch, bevor ich es Probe gesponnen hatte- komplett auseinander, und reinigte es gründlich. Nachdem Wollreste, schmierige Rückstände und klebrige Stellen mit einem feuchten Microfasertuch abgerieben und getrocknet waren, wachste ich alle Teile mit Bienen-Holzwachs neu ein. Das Rad bekam neuen Glanz durch Kunststoff-Autopflegespray und die Schrauben etwas Öl zwecks reibungslosem Eindrehen ab.

Am nächsten Tag hatte ich dann schon ein fast weihnachtliches Gefühl der Vorfreude, als ich mich daran machte, es zusammen zu bauen. Auf diese Wese lerne ich außerdem immer am meisten über meine neuen Räder: wozu war eigentlich de kleine Zusatzrolle am Fuß des Rades, zwischen den beiden Standbrettern, gedacht? Spannend, das musste ich gleich ausprobieren. Ah, eine Verlängerung des Rad-Durchmessessers, welche sich auf die Übersetzung auswirkt. Und dabei leider zum Klappern neigt…

Und warum war die Schnur der Spulenbremse nicht glatt? Ein wenig Silikonöl half, den Reibungswiederstand zu mindern und förderte den leisen Lauf der Spule. Okay, und wie herum macht es Sinn, den Polycord über die Umlenkspule auf den Wirtel des Spinnflügels zu setzen? Die Lösung war selbsterklärend, da es andersherum schlicht nicht funktionierte. Die Bedienungsanleitung gab und gibt es zwar zum Download auf der Homepage der Firma Schacht, aber die kam bei mir an diesem Tag gar nicht zum Einsatz.

Der Spinnflügel kann beim Transport unter das linke Trittbrett geklemmt werden, was schnell und selbsterklärend funktioniert. Hierbei fiel mir auch auf, dass die Spinnräder ihr Herstellungsdatum tragen: SK 2014 2372 ist meines unter dem rechten Trittbrett geprägt worden. Gut zu wissen, aus welchem Herstellungsjahr das Rad stammt – sicherlich nicht zuletzt, was die Ersatzteilbeschaffung angeht.

Auch die Schnellspannverschlüsse, die u.a. zum Lösen der Trittbretter am Rad angebracht sind, finde ich eine hervorragende Idee. Schön ist auch, dass links und rechts am Rad die Wirtel mit den anderen Durchmessern ihren Platz finden: die kleinen Schrauben sind schnell mit der Hand gelöst und halten dennoch sicher fest. Wo ich allerdings meinen Einzugshaken lassen soll, weiß ich bis heute nicht: er baumelt aktuell mittels Fädchen an der rechten Flügelschraube, mit der die Spulenbremse eingestellt wird…

Das Reiserad ist schön verarbeitet: dass es sich hier um Schichtleimholz handelt, fällt erst auf den zweiten Blick auf. Es sieht insgesamt sehr wertig aus und ist gut und solide verarbeitet. Es spinnt fein bis mittelstark und rupft nicht am Spinngut. Einzig auf die sehr kurzen Knechtarme und die biegsamen Knechtstangen muss man sich etwas mehr einstellen: ich hätte es schöner gefunden, wenn erstere etwas länger und zweitere etwas steifer gefertigt worden wären, was einen leichteren und gleichmäßig-entspannteren Tritt möglich gemacht hätte. Hat man sich jedoch darauf eingestellt und sich auch mit dem Wechsel der Spulen vertraut gemacht, ist es ein sehr zuverlässiges Rad mit gut durchdachtem Design, was dem etwas erfahrenen Spinnenden viel Freude macht.

 

„Sidekick“: das Reiserspinnrad der Firma Schacht (1173$ / 1250-1290€ *)
Schacht Spindle Company, 6101 Ben Pl, Boulder, CO 80301, USA, gegründet 1969

Erstverkauf: 2010 mit einem Neupreis von ??? US Dollar (??? Euro)
Verkaufspreis 2024: 1173,00 US Dollar (1087,50€) / in Deutschland für 1380,00€ erhältlich 

 

Technische Details:
– Einfädig angetrieben mittels schwarzem Polycord
– Schottische Spulenbremse  „Scotch Tension“)
– kugelgelagertes Rad
– höhe Einzugsloch: 63,5 cm
– Übersetzungen: zwischen 4,25 bis  15,25.
– Gewicht:
– Abmaße: Gefaltet: 53,75 cm x 37,5 cm x 20,62 cm
– Durchmessser des Antriebsrades: 34,73 cm / Farbe: türkisblau
– 3 Spulen „Travel Bobbins“ in braunem Kunststoff
– 1 Wirtel medium 6,25 + 7,5 :1
– 1 Wirtel fast 9 + 11:1
– 1 Einziehnadel
– Trageriemen „Carry Strap“
– 1 rote Tragetasche

Optional liefer-/bestellbar:
– Großer Spinnflügel „Bulky Flyer“ inkl. Sliding Hook und 1 Jumbo Spule (430€*)
– „Slow Whorl“ / Langsame Wirtel
– „High Speed Whorl“ / Schnellspinnwirtel
– Holz-Standardspulen (60€)
– „Tavel Bobbin“ / Braune Kunststoffspule (49€*)
– Lazy Kate (105€*)
– Spinnradöl (12,50€*)
– „Tavel Bobbin“ braune Kunststoffspule (49€*)
                                                                                                   *alle Preise: Stand 10-2023

Die Übersetzungen der verschiedenen Wirtel:
slow:             4:1       und  4,8:1
medium:       5,7:1   und  4,8:1
fast:               8,0 :1  und  9,0 : 1
high:             10.0 :1 und  12,0 :1
super high:  11,0 : 1 und  13,0 : 1

Alle Wirtel, Spulen und Flügel vom „Ladybug“ und „Matchless“ können fürs „Sidekick“ verwendet werden.