Unser Vermieter (so vermuteten wir zunächst), stellte sich gleich nach unserer Ankunft in Björndalen vor: auf Deutsch sprach er uns freundlich an, hieß uns herzlich willkommen und sagte, er hieße Rikard. Wir unterhielten uns kurz und räumten dann erst mal alles in unser kleines Cottage, welches den Namen „Lottas Sturga“ trägt.
Nach und nach entspannen sich in den darauffolgenden Tagen Gespräche, welche wechselnd zweisprachig (Deutsch und Englisch) zwischen Rikard und uns geführt wurden. So erfuhren wir, dass unser offizieller Gastgeber Sir Hans Christer Lagesson Wernstedt war: ihm gehören die Immobilien. Hans ist ein ganz alter Jugend- und Studienfreund von Knyaz Rikard Högberg… und Rikard wohnt jetzt in Hans´ Forsthaus. Es ist ein typisch schwedisches Holzhaus, mit Wintergartenanbau, rot gestrichen, mit weißen Fensterläden und passend weißen Rahmen. Hans und Rikard waren herzlich und freundlich und wir fühlten uns sofort wohl.
Natürlich fielen uns gleich auch die künstlerischen Arbeiten auf: ein riesengroßes, mit zwei Figuren bemaltes Banner hängt in dem großen alten Ahorn, der in der Einfahrt zum Haupthaus steht. Im Garten wehen kleine Banner auf denen ähnliche Figuren zu sehen sind: sie hängen an Seilen, die in einer hölzernen Konstruktion befestigt sind – welche wiederum um einen großen, alten Findling herum aufgestellt ist.
Nachdem uns Rikard auch im Haupthaus herumgeführt hatte, mussten wir staunend feststellen, dass Rikard ein recht bekannter schwedischer Künstler ist. Er setzt sich besonders mit der nordischen Geschichte und Mythologie auseinander. Offenbar ist der Auslöser wohl gewesen, dass in den 1980er Jahren die schwedische Straßenverwaltung Felsritzungen im Ort Herrebro/Tanum entfernen wollte, um Platz für eine Autobahn zu schaffen. Rikard organisierte Proteste und half, diese 3.500 Jahre alten Gravuren zu retten. Diese sogenannten Petroglyphen (schwed.: Hällristningar) wurden dann zur Inspiration seiner Skulpturen und Gemälde. Das Originalgemälde hängt in dem alten Forsthaus und misst (geschätzt) ca. 3,50 x 1,80 Meter. Es ist darauf auch die Sonnenfinsternis zu sehen, welche höchstwahrscheinlich im 17. Jahrhundert v. Chr. über Westschweden stattgefunden hat.
(Von diesem Original existiert in einem großen Nebengebäude noch eine Kopie: aber was für eine! 9 Segmente, die jeweils ca. 3 x 1,8 Meter messen… sie sind aufgehängt in zwischen den Dachträgern und beleuchtet von riesigen Kristall-Lüstern. Der Raum ist ein Saal, in dem Empfänge o.ä. stattfinden…)
Auf dem Gemälde ist der Stein mit den Felsritzungen abgebildet (unten, Mitte) – aber auch der „Sonnenwagen von Trundholm“ (rechts, obere Hälfte). Es ist eine Skulptur aus der älteren Nordischen Bronzezeit (um 1400 v. Chr.) und befindet sich heute im Dänischen Nationalmuseums in Kopenhagen. Das Original ist das wohl berühmteste bronzezeitliches Artefakt, welches Dänemark besitzt – und Rikard hat davon eine bronzene Kopie hergestellt, welche er jedoch vollständig / unversehrt gebaut hat. Die Rekonstruktion zeigt einen rot bemaltes Pferd mit Blumenschmuck – sicherlich ist das als eine Hommage an die schwedischen Dala-Pferde zu verstehen.
Außerdem hat er noch das sog. Vitlycke-Paar (als Skulpturen in verschiedenen Größen) geschaffen: inspiriert wurde er dabei von den berühmten Felsritzungen in Vitlycke, Bohuslän. Es ist die Darstellung eines rituellen Paares, das möglicherweise eine Zeremonie (Hochzeit?) oder eine mythologische Szene symbolisiert.
Auch „Bronslurblåsare“ (Bronzehornbläser) hat Rikard geschaffen, das sind Skulpturen, die Musiker mit ihren bronzezeitlichen Musikinstrumenten darstellen. Einige seiner Werke wurden in verschiedenen Ausstellungen gezeigt, darunter auch in der Östermalmshallen in Stockholm.
Wenn ich das alles richtig verstanden habe, verbindet und vermischt Rikard in seiner Kunst nordisch-skandinavischer Mythologie, historische Ereignisse und archäologische Funde mit wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der nordischen Bronze- und Wikingerzeit. Er nutzt Kunst nicht nur zur ästhetischen Darstellung, sondern als Mittel zur kulturellen Erinnerung – und trifft dadurch auch politischen Aussagen.
Und am 16. Mai 2025 wurden er und Hans bei den „Stockholm Culture Awards“ ausgezeichnet!
Lieber Hans, lieber Rikard, Danke für Euren freundlichen und herzlichen Empfang, den Ihr uns auf unserer allerersten Schwedenreise bereitet habt. Danke auch für die Einladung zum Flusskrebs-Essen: wir haben den Abend sehr genossen – auch wenn unser Schwedisch so schnell nicht besser werden wird 🙂 Herzlich Björn & Britta
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