Unbekannter Hersteller – blaues „Double Rim Wheel“
Seit ich mich für Spinnräder – und insbesondere für die alten Spinnschätzchen- interessiere, bin ich ganz besonders von den großen, nordischen Rädern fasziniert. Vor gut 10 Jahren war ich im Netz das erste Mal auf das Foto eines alten „Double Rim“-Rades gestoßen… und seither suche ich so ein schönes Rad. Allerdings mit wenig Hoffnung, denn obwohl ich regelmäßig auf den gängigen Seiten stöbere, habe ich nie eines finden (geschweige denn) ergattern können.
Diese zauberhafte Schwedin konnte ich Mitte April 2026 im landschaftlich schön gelegenen Landolfshausen (bei Göttingen) abholen: die liebe Gundula hat es mir verkauft – und ich konnte mich vor Freude kaum fassen, in welchem super guten Originalzustand das Rad war. Auf den ersten Blick war alles heil und es war spinntüchtig. Und nach einem super netten Plausch, einigem Fachsimpeln und dem Kennenlernen der süßen Quessant-Schafe und dem Kraulen der großen (und sehr, sehr netten) Hunde musste ich mich viel zu früh wieder auf den Heimweg machen.
Liebe Gundula, wenn Du mal hier in der Gegend sein solltest: meine Schafe, mein Hund, die Spinnradherde & ich freuen uns auf Deinen Besuch!
Nach ein paar Tagen bekam ich noch Nachricht von Gundula, denn ich wollte gern noch mehr über die Herkunft des Rades wissen… Gundula schickte mir dann einen Link zu einem Presseartikel. Über die Vorbesitzern gab es tatsächlich noch weitere Artikel im Netz zu finden und bei einem waren sogar Kontaktdaten hinterlegt, denn Frau Borlinghaus ist eine regional bekannte Handweberin! Und so rief ich am darauf folgenden Wochenende spontan bei Frau Borlinghaus in Jülich an und fragte, ob sie mir mehr über das Rad verraten könne…
Frau Borlinghaus ist 1947 nahe der norwegischen Grenze in Schweden geboren, lebte später in Göteborg und zog 1969 mit ihrem Mann und der kleinen Tochter nach Aachen. Beruflich bedingt wohnte die Familie später in Süddeuschland, Varel, Schwanewede, Hannover und jetzt in Jülich. In ihrer Kindheit wurde in der Familie in Schweden traditionell viel gewebt – sie selbst konnte sich diesen Traum erst in ihrem Haus in Jülich erfüllen. Gestrickt und gehäkelt hat sie immer – doch zum spinnen ist sie selten gekommen. Daher hat sie Ihre Spinnräder 2025 verkauft…
Das schöne, blaue Rad hat sie 1955 aus Schweden mitgebracht, als ihre Mutter verstorben war. Es gehörte den Urgroßeltern, welche auf der Insel Brännö (bei Göteborg) in der Vassdalsvägen 1 lebten. Ihr Urgroßvater hieß Edvard Olsén (1850-1940) und die Urgroßmutter Elise Sofia Larsdotter (1852 -1902). Die beiden hatten eine Tochter, Lilly Olsén, welche erst 19 Jahre alt war, als die Mutter starb. Lilly wurde 88 Jahre alt (1883 – 1971) und blieb zeitlebens unverheiratet. Sie übernahm die Aufgaben, welche ihre Mutter sonst erledigte; also die Haushaltsführung und die Versorgung der Tiere des Bauernhofes. Ihr Vater arbeitete auf einem Frachtschiff, welches von Göteborg nach Manchester bzw. Liverpool fuhr… Das Spinnrad stand in dem Haus auf Brännö, erinnert sich Frau Borlinghaus. Ob es womöglich schon der Mutter ihres Urgroßvaters Edvard gehört hat, konnte sie nicht erinnern.
Netterweise schickte mir Frau Borlinghaus noch Fotos aus ihrem Familienalbum: das Portrait des Paares zeigt ihre Urgroßeltern Elise Sofia und Edvard. Sie scheinen in der Mitte ihrer Zwanzigerjahre zu sein und sind schick angezogen – vielleicht ist das Foto zu einem besonderen Anlass gemacht worden? Auf dem zweiten Foto sitzt ihr Urgroßvater vor dem flachen Brännöer Haus, das hell gestrichen ist, und hinter ihm steht seine Tochter Lilly… es scheint warm zu sein, denn die Kapuzinerkresse blüht im Beet vor Ihrem Urgroßvater, der ein bisschen wie ein Seefahrer ausschaut, der er damals wohl war. Die Tochter ist sicher schon zwanzig, vielleicht auch schon älter, das ist schwer zu schätzen. Bis auf die Uhrenkette von Edvard sieht man keinen Schmuck an den beiden… Ich finde, alte Fotos sind so interessant!
Kära Barbro, tack så mycket för att du anförtrodde mig din familjehistoria och att jag får berätta den här. Jag är mycket glad att jag nu får spinna ditt vackra familjearv och jag kommer att vårda det med ära!
Nun, auf jeden Fall habe ich bei meinen Nachforschungen im Netz nur wenige solcher Doppelfelgen-Räder gefunden:
1.) Eines findet sich auf Pinterest. Es ist schwedischblau (wie die Nationalfahne) gestrichen und auf dem Hauptbrett, auf der dem Spinner abgewandten Seite, mit weißer Farbe kunstvoll von Hand beschriftet. „HBHD.1893″steht dort. Sicher die Initialen der Besitzer*innen und das Baujahr des Rades bzw. das Anschaffungsdatum.
2.) Das zweite Rad ist auf der Homepage des Vänersborg Museum, Schweden, zu finden: unter „digitalmuseum.se“ findet sich ein Verzeichnis der Exponate. Das dort gezeigte Rad (Ident.Nr. VM05109) ist mittelgrün gestrichen und hat u.a. an den gedrechselten Wulsten rotbraune Ringel. Der Herstellungszeitraum ist mit 1865 bis 1875 angegeben…
3.) Das dritte Rad ist ebenfalls übers Digitalmuseum des Bohuslän Museum, Schweden, zu finden. Unter der Inventar-Nr. UMFA53464:0525 findet sich ein Glasnegativ/eine Fotografe, auf dem zwei Frauen strickend und spinnend zu sehen sind. Sie sitzen zusammen in einem hellen, holzverkleideten Raum und auf dem dem Rad steht „SKMI 1899“. Das Foto ist mit Sicherheit gestellt, denn die spinnende Frau hat gar kein Material in den Hand und der Wocken ist gar nicht aufgesetzt…
4.) Ein viertes Rad ist ebenfalls im Verzeichnis des Bohuslän Museum zu finden: doch dies mal „blau lackiert mit gelben Streifen“ (UM005302), ohne jegliche weitere Datumsangabe.
Nach diesen ganzen Angaben kann ich nun den Herstellungszeitraum eingrenzen: ich weiß nun, dass dieses Rad irgendwann zwischen 1860 und 1899 gebaut worden sein muss. Wer die Räder hergestellt hat, liegt jedoch im Dunklen… Doch womöglich kann mir das Museum weiter helfen: ich werde mal per Mail nachfragen 🙂 und dann hier berichten.
Was nun das Spinnrad selbst angeht, habe ich nur wenig daran getan. Klar, ich habe es gründlich gesäubert und vorsichtig von uraltem, steinharten Fett befreit, die Metallteile entrostet und einen neuen Antriebsriemen aufgezogen. Das Holz hat eine offenporige, ölhaltige Lasur erhalten, die gleichzeitig auch den alten Anstrich pflegt und einen seidenmatten Glanz zeigt. Doch dann war auch schon alles getan – und nun spinnt das Rad weder wundervoll leicht. Und das ohne jedes Geräusch! Das müssen die neuen Räder erst mal nachmachen… Ganz besonders erstaunlich finde ich, wie lange das Schwungrad selbstständig nachläuft, nimmt man den Fuß vom Trittbrett: ganze 42 Mal habe ich gezählt, bevor es stehen bleibt. Ist das nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, wie alt dieses Rad ist? Und das es nur aus Holz und Metall besteht – aber kein einziger Metallnagel, keine Schraube zur Herstellung verwendet wurde.
Zu guter Letzt habe ich beschlossen, sie nach Ihrer (vermutlich ersten) Besitzerin zu benennen: Elise ist ein sehr schöner Name.
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Hersteller: Unbekannt, Schweden
gebaut wahrscheinlich zwischen 1860 und 1899
Typ: Sächsische Bauart: eine sog. „Ziege“ / Flachsrad
Antrieb: zweifädig, Einzeltritt
Schwungraddurchmesser: 63 cm
Abmessungen: 98 cm Höhe x 102 cm Breite x 62 cm Tiefe
Gewicht: 7,4 kg
Übersetzungsverhältnis: 1 : 14,2
Holz: unbekannt (vermutl. keine Birke, da sehr schwer)
Farbe: im Untergrund dunkelgrün, aber schwedischblau überstrichen
Spinnflügelöffnung: 6mm
Spule: Kapazität ca. 100-120 Gramm / ohne extra Spulenkern / nur eine Originalspule vorhanden
Wocken: Original / in Tannengrün gestrichen / der Faser-Aufsatz fehlt